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Andreas Mangler, Rutronik, im FBDi- Interview

November 28, 2025

Neue Pflichten für Distributoren

Kritische Rohstoffe (CRMs)
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11/2025 · Der FBDi im Gespräch mit Andreas Mangler, Rutronik, Director Strategic Mar­ke­ting – Mitglied im Competence Team Markt & Zu­kunft des FBDi e.V.

»Wir als Distributoren setzen maximal auf glo­bale funktionierende Lieferketten. Die Risi­ko­mi­ni­mierung für die produzierende Elektronik­in­dus­trie ist einer unserer zentralen Aufgaben in der Distribution und gehört genauso zur Wert­schöp­fung.«

1. Strategische Bedeutung & Markt­dynamik
Kritische Rohstoffe (CRMs) gelten als das zentrale Risiko für die euro­päische Elek­tro­nik­industrie. Welche direkten Aus­wir­kungen sehen Sie auf dem Dis­tri­bu­tions­markt und wie bewerten Sie die aktuelle Ver­sor­gungs­sicher­heit?

Andreas Mangler:
CRMs sind das Fundament nahezu jeder modernen elektronischen Komponente, von Selten­erd­mag­neten in Sensoren und Motoren bis hin zu spe­ziellen Metallen in Halb­leitern und MLCCs. Die Konzentration der Gewinnung und Veredelung in nur wenigen Weltregionen, gepaart mit einem rasant steigenden globalen Bedarf durch Digi­ta­li­sierung und Ener­gie­wende, macht die Ver­sor­gungs­sicher­heit zum größten strukturellen Risiko. In der Dis­tri­bu­tion spüren wir dies unmittelbar: Bei Kom­po­nen­ten mit hohem CRM-Anteil wie speziellen Kondensatoren oder Hoch­leis­tungs­mag­neten sehen wir die größte Volatilität bei den Lieferzeiten und Preisen. Im Gegensatz zu temporären Kapa­zi­täts­eng­pässen sind CRM-Verwerfungen strukturell und langfristig. Die europäische Industrie muss den Zugang zu diesen Materialien als massives Risiko be­greifen.

2. Beschaffung und Resilienz der Lieferkette
Die Beschaffung wird immer kom­plexer. Welche Prioritäten sollten Einkäufer setzen, um die CRM-Exponierung in ihren Stück­listen (BOMs) aktiv zu ma­nagen, und wie kann die Dis­tri­bution dabei un­ter­stützen?

Andreas Mangler:
Einkaufsteams müssen vom reinen Preis- und Mengenmanagement zu einem strategischen Risikomanagement übergehen. Die Priorität liegt auf der Transparenz der Material­de­kla­ration. Es reicht nicht mehr, die Komponente zu kennen – man muss wissen, welche kri­ti­schen Rohstoffe in ihr stecken. Hier spielt die Distribution eine ent­schei­dende Rolle als Daten-Aggregator und Früh­warn­system. Wir bieten:

  • BOM-Intelligenz: Werkzeuge, die CRM-intensive Teile in der Stückliste iden­ti­fi­zieren.
  • Risiko-Scores: Bewertung von Kom­po­nenten basierend auf regionaler Bezugsquelle und Lebenszyklus-Status.
  • Echtzeit-Monitoring: Wir können auf Basis globaler Hersteller- und Re­gu­lie­rungs­daten sehr früh auf Export­be­schrän­kungen oder Kontingent­än­de­rungen reagieren und unsere Kunden proaktiv mit alternativen Sourcing-Strategien oder Cross-Re­fe­renzen ver­sorgen. Das ist der Wechsel von der reaktiven Krisen­be­wäl­tigung zur pro­ak­tiven Risiko­min­derung.

Einschränkend muss man aber sagen, das Seltene Erden (Rare Earth Elements REE) oft nur in kleinsten Mengen in den elektronischen Bauteilen verarbeitet werden, das heißt eine Deklaration z.B. den IMDS-Daten fehlt meist. Deshalb ist die Differenzierung wichtig im Hinblick auf kritische Rohstoffe und seltene Erden. Die seltenen Erden gehören als Teil­menge zu den kritischen Rohstoffen.

3. Rolle der Distribution im Design-Zyklus
Kann die Distribution Ingenieuren helfen, die Abhängigkeit von CRMs bereits in der Designphase zu re­du­zieren?

Andreas Mangler:
Absolut. Der teuerste Zeitpunkt, um ein Supply-Chain-Problem zu beheben, ist, wenn die Pro­duk­tion bereits läuft. Der Design-In-Prozess ist der kritische Hebel. Ingenieure müssen oft Kom­pro­misse zwischen Leistung und Ver­füg­bar­keit ein­gehen.
Unsere Rolle ist es, in unseren Datenbanken die technischen Spezifikationen mit Material- und Compliance-Daten zu verknüpfen. So können Ingenieure früh­zeitig:

  • Alternativen identifizieren: Viable »drop-in« oder leicht adaptierbare Komponenten finden, die weniger oder keine Seltenerdmetalle (REE-free) ent­halten.
  • Multi-Sourcing prüfen: Sicherstellen, dass die gewählte Komponente nicht auf einen ein­zigen Hersteller oder eine einzige geo­gra­fische Region beschränkt ist.
  • Lebenszyklus-Management: Komponenten auswählen, die eine ge­sicherte Langzeit-Ver­füg­bar­keit ver­sprechen.

Diese frühzeitige Partnerschaft verwandelt uns Distributoren von einem Teile-Lieferanten zu einem strategischen Design-Partner.

4. Lieferketten-Resilienz und Geo­politik
Geopolitische Spannungen führen zu Exportbeschränkungen und Quoten. Inwieweit helfen langfristige Liefer­ver­träge (LTAs) und Diver­si­fi­zierung bei CRM-abhängigen Kom­po­nenten, dieses Risiko abzufedern?

Andreas Mangler:
Langfristige Kaufverträge (LTAs) sind ein not­wen­diges, aber nicht allein ausreichendes Instrument. Sie stabilisieren Preise und sichern Zuteilungen (allocation) in angespannten Märk­ten, besonders für Kom­po­nenten mit hohem Neodym- oder Terbium-Gehalt.

Noch wichtiger ist jedoch die geografische und technologische Diversifizierung. Solange die Ver­ede­lungs- und Auf­be­reitungs­ka­pa­zitäten global kon­zen­triert bleiben, sind wir ve­wund­bar. Distri­bu­tionen müssen ihre Beziehungen zu asiatischen, amerikanischen und zu­neh­mend europäischen Herstellern pflegen und ausbauen. Diversifizierung bedeutet nicht nur, einen zweiten Lieferanten zu haben, son­dern auch eine Komponente zu finden, die auf einer alternativen Technologie oder einem anderen Materialmix basiert, um eine regionale Roh­stoff-Abhängigkeit zu umgehen.

Wir als Distributoren setzen maximal auf globale funktionierende Lieferketten. Die Ri­si­ko­mi­ni­mie­rung für die produzierende Elek­tro­nik­in­dustrie ist einer unserer zentralen Auf­gaben in der Dis­tri­bution und gehört ge­nauso zur Wert­schöp­fung.


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5. Regularien und EU-Politik
Welchen Einfluss hat der Critical Raw Materials Act (CRMA) der EU auf die Sourcing-Strategie euro­pä­ischer Elek­tro­nik­un­ter­neh­men, und was müssen Dis­tri­bu­toren hier leisten?

Andreas Mangler:
Der CRMA ist ein klares politisches Signal, die Abhängigkeit zu reduzieren, indem die hei­mi­sche Gewin­nung, Verarbeitung und das Re­cyc­ling gefördert werden. Für die Sourcing-Stra­te­gie bedeutet dies eine erhöhte An­for­de­rung an Trans­pa­renz und Her­kunfts­si­cherheit. Ob uns das in Europa und ins­be­sondere in der DACH-Region gelingt ist fraglich. Distributoren be­rei­ten sich darauf vor, indem sie:

  1. Compliance-Daten aggregieren: Wir müssen ggf. die Nachweisketten für die Ma­terial­her­kunft (Due Diligence) unserer Hersteller auf­be­reiten können.
  2. Bevorzugung CRMA-konformer Quellen: Wir werden Komponenten bevorzugt listen, deren Lieferketten den EU-Standards für Nach­hal­tig­keit und Ver­ant­wor­tung entsprechen.
  3. Förderung des Recyclings: Wir un­ter­stützen die Weiterentwicklung von Take-Back-Sys­temen und Recyling-Ansätzen, um den sekundären Ma­te­rial­fluss zu stärken, auch wenn dieser noch klein ist.
    Der CRMA wird ein Teil der Liefe­ranten­qua­li­fi­zierung massiv verändern. Es geht nicht mehr nur um Qualität, sondern auch um die ver­ant­wor­tungs­volle Her­kunft des Rohstoffs.

6. Nachhaltigkeit und Kreislauf­wirtschaft
Das Recycling von CRMs ist oft tech­nisch herausfordernd. Wie kann die Elektronikindustrie, unterstützt durch die Distribution, ihre Nach­haltig­keits­ziele erreichen, solange die CRMs noch primär gewonnen werden müssen?

Andreas Mangler:
Aktuell ist das Recycling von Seltenerdmetallen und anderen CRMs aus komplexen Elek­tro­nik­produkten noch nicht in einem Umfang ska­lier­bar, der die Primär­ge­winnung ersetzen könnte. Die Primär­ge­win­nung ist be­kannter­ma­ßen extrem umwelt­be­lastend und Roh­stoff-intensiv, nicht zuletzt wegen der hohen Was­ser­ver­bräuche. Dennoch kann die Dis­tri­bution jedoch die Nachhaltigkeit in meh­reren kleinen Schritten fördern:

  1. Design for Recycling/Repair: Wir stellen sicher, dass Ingenieure die Materialdaten für eine spätere, einfachere Zerlegung (End-of-Life-Management) bereits im Designprozess berücksichtigen können.
  2. Langlebigkeit: Indem wir Komponenten mit einer längeren Lebensdauer und Ver­füg­bar­keit empfehlen, wird der Aus­tausch­zyklus verlängert und der Res­sourcen­verbrauch über die Zeit re­du­ziert.
  3. Verantwortliche Beschaffung: Wir fragen bei unseren Herstellern aktiv die Einhaltung von Standards für ver­ant­wor­tungs­vollen Bergbau und Ver­ede­lung ab, um die Umwelt­be­lastung an der Quelle zu reduzieren.
  4. Effizienz: Wir helfen bei der Auswahl von Komponenten, die aufgrund ihres CRM-Einsatzes höhere Energieeffizienz er­rei­chen (z.B. in EV-Motoren oder Wind­kraft­anlagen), wodurch der Netto-Umwelt­vor­teil im End­pro­dukt maximiert wird.

7. Missverständnisse in der Branche
Welche gängigen Missverständnisse bezüglich CRMs halten sich in der Elektronikindustrie hartnäckig, und wie gefährden diese eine effektive Stra­te­gie­ent­wick­lung?

Andreas Mangler:
Das größte Missverständnis ist die Annahme, CRMs und insbesondere seltene Erden seien leicht aus­tausch­bar. Zwar gibt es Alternativen, aber Selten­erd­metalle ermöglichen oft Quanten­sprünge in Bezug auf Minia­tu­ri­sie­rung, Effizienz und Tem­pe­ratur­beständigkeit, die nicht ohne signi­fi­kante Leis­tungs­ein­bußen ersetzt werden können.
Weitere Fehleinschätzungen sind:

  • »Die Knappheit ist nur temporär«: Die Engpässe sind strukturell durch das Un­gleich­gewicht von Angebot und Nach­frage bedingt und werden sich in den nächsten 5 bis 10 Jahren weiter ver­schärfen.
  • »Recycling wird das Problem kurz­fris­tig lösen«: Es ist ein essenzieller Baustein, wird aber auf absehbare Zeit die Primärquellen nicht signifikant er­setzen können.
  • »CRMs betreffen nur High-Tech-Nischen«: Tatsächlich stecken sie in beinahe jedem gängigen Kondensator, Sensor, LED und in allen modernen Mikroprozessoren. Jede Firma ist be­troffen.

Diese falschen Annahmen führen zu Ver­zö­ge­rungen bei der Inte­gra­tion von CRM-Risiko­be­wertungen in den Design- und Be­schaf­fungs­prozess.


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8. Prognose und Ausblick
Welche CRM-bezogenen Störungen erwarten Sie in den nächsten 5 bis 10 Jahren, und wie müssen Un­ter­neh­men ihre Supply-Chain-Strategie neu aus­richten?

Andreas Mangler:
Wir erwarten eine Beschleunigung der Vo­la­ti­lität. Die zentralen Risiken sind:

  1. Geopolitik: Zunehmende Nutzung von Exportquoten als politisches Instrument.
  2. EV-Boom: Die Nachfrage nach Hoch­leis­tungs­mag­neten (Neodym, Dysprosium) durch die E-Mobilität wird die Verfügbarkeit für andere Sektoren stark begrenzen.
  3. Verfeinerungskapazität: Die fehlende Diversifizierung bei der Veredelung wird bei lokalen Störungen zu glo­balen Schock­wellen führen.

Die Strategie muss sich auf agile Resilienz kon­zen­trieren:

  • Frühe Integration von CRM-Risiken: Im Design-Zyklus.
  • Geografische Diversifizierung: Aufbau von robusten Lieferketten außerhalb der der­zei­tigen Haupt­liefer­regionen
  • Daten und Wissen: Investition in Echt­zeit-Daten­in­tel­li­genz in Zu­sam­men­arbeit mit Dis­tri­butoren, um auf kleinste Ver­än­de­rungen im Markt sofort rea­gieren zu können.

9. Management-Empfehlung
Was ist Ihr wichtigster ab­schlie­ßender Rat an Manager in der Elek­tro­nik­in­dus­trie, um die CRM-He­raus­for­derungen erfolgreich zu meistern?

Andreas Mangler:
Mein Rat ist, proaktive Materialtransparenz und strategische Zusam­men­ar­beit zur obers­ten Priorität zu machen. Denn es lohnt sich, in die Sicht­bar­keit bis auf die Roh­stoff­ebene Ihrer Kom­po­nenten zu investieren, nicht nur auf die Teile-Ebene.

Es ist wichtig frühzeitig mit Ihren Distributoren und Design-Teams zu sprechen. Wer die Ma­te­rial­zu­sam­men­setzung seiner kritischen Kom­po­nenten kennt und Alter­na­tiven parat hat, wird in den kom­menden Jahren einen mas­siven Wett­be­werbs­vor­teil durch eine stabile, wider­stands­fähige Liefer­kette haben. Die Zeit der reinen Preis­ver­hand­lungen ist vorbei; die Zu­kunft gehört dem Risiko-Partner­mana­ge­ment.

10. Unsere Aufgaben im FBDi
Angesichts dieser komplexen He­raus­for­de­rungen – welche spe­zi­fische Unter­stüt­zung bietet der FBDi e.V. seinen Mit­glie­dern also den Dis­tri­bu­toren und Förder­mitglieder von den Bau­ele­mente-Her­stellern, um im CRM-Umfeld wett­be­werbs­fähig zu bleiben?

Andreas Mangler:
Der FBDi dient als zentraler Kompetenzträger und Informations-Hub für die Distribution. Unsere Kernleistung liegt im regulatorischen Wissens­vor­sprung und der Marktdaten-Aufbereitung:

  • Competence Teams: Wir betreiben Teams, die sich intensiv mit re­gu­la­to­rischen Themen wie CE, Kreis­lauf­wirt­schaft, Sanktionen, Zöllen und den An­for­de­rungen des CRMA aus­ein­an­der­setzen. Hier tauschen die Spezia­listen unserer Mitglieder Er­fah­rungen aus.
  • Informationsaufbereitung: Wir analysieren und bereiten das Zah­len­ma­terial und die Statistiken zum deutschen Distributionsmarkt auf, um unseren Mit­glie­dern eine solide Daten­grund­lage für strategische Ent­schei­dungen zu liefern.
  • Internationale Vernetzung: Über die Mit­glied­schaft im inter­na­tionalen Verband IDEA stellen wir sicher, dass wir auf euro­pä­ischer Ebene in den Dialog ein­ge­bunden sind und frühzeitig auf­kom­mende Ten­denzen in der Re­gu­lierung und im Markt erkennen.

Wir übersetzen die hochkomplexen und ständig wechselnden regulatorischen und Markt-An­for­de­rungen in handlungsrelevantes Wissen für die Distribution zum Vorteil der Dis­tri­bu­tions­kunden.

Quellen:
{1} European Commission / Critical Raw Material
https://single-market-economy.ec.europa.eu/sectors/raw-materials/areas-specific-interest/critical-raw-materials_en
{2} Understanding Rare Earth Elements as Critical Raw Materials; Walter Leal Filho, Richard Kotter, João Henrique Paulino Pires Eustachio, Pinar Gökçin Özuyar, Ismaila Rimi Abubakar and Newton R. Matandirotya, Jan. 2023 https://doi.org/10.3390/su15031919
{3} Rare Earth Elements in New Advanced Engineering Applications; Monika Duchna and Iwona Cieślik Published: 26 December 2022; DOI: 10.5772/intechopen.109248

Seltene Erden und ihre Anwendungen in elektronischen Bauteilen

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